Ein Nachmittag mit Gerd Lehmann

Leipzig. Bornaische Straße. Die renovierten Häuser, den urbanen Lebensstil und die großen Einkaufshäuser der Innenstadt - all das gibt es hier nicht im Stadtteil Dölitz. Ich stehe mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom AUGENBLICK-FOTOMAGAZIN vor einem verschlossenen Tor. Es ist bereits nach 16 Uhr, und die Hinterhofgalerie von Gerd Lehmann sollte bereits geöffnet haben. Als wir klingeln öffnet ein älterer Herr mit langem weißen Bart und Zigarette in der Hand. “Ich bin ein wenig spät dran” sagt er und bittet uns herein. Es ist Gerd Lehmann.

Früher, zu Zeiten der DDR, fand man seine Arbeiten in den größten Modezeitschriften des Landes. Er fotografierte aber auch als Standfotograf für den Film (u.a. POLIZEIRUF 110).

Er erzählt uns, wie er “Lichtbildner” wurde, wie er sich selbst bezeichnet. Als er Ende der 60er Jahre in Dresden als Kellner arbeitete, wurde er als Model entdeckt, und kam so zum ersten mal mit der Fotografie in Berührung. Er wollte das auch machen. Aber anders. Nicht so inszeniert, weniger künstlich. Also brachte er sich das fotografieren selber bei.

Über vier Jahrzehnte arbeitete Lehmann als Auftragsfotograf. Dann kam die Wende und mit ihr eine Zeit, in der sich nicht nur das Land, in dem er lebte, sondern auch seine fotografische Welt grundlegend veränderte. Lehmann blieb mit seiner Kamera dabei. Analog und fast immer in Schwarzweiß, fotografierte er weiter. Besonders die Kneipen und Menschen in Leipzig faszinierten ihn. Während die beiden deutschen Staaten langsam wieder zusammenwuchsen, erschuf Lehmann, vielleicht ohne es zu ahnen, ein zeithistorisches Fotoarchiv von unschätzbarem Wert.

Seine Bilderzeigten nicht die großen historischen Inszenierungen, sondern Menschen beim Zusammensitzen, Feiern, Reden und Leben. Und Orte in Leipzig, die es heute so nicht mehr gibt.

Mitte der 1990er-Jahre schlug Lehmann mit dem Wave-Gotik-Treffen in seiner Heimatstadt ein neues Kapitel auf.

Was zunächst wie ein weiteres fotografisches Projekt begann, wurde über die Jahre zu einer Art Lebenswerk. Über zwei Jahrzehnte fotografierte er die Besucher, Musiker und Bands des Festivals und entwickelte dabei einen ganz eigenen Blick auf die Szene.

Mit seiner Analogkamera portraitierte er die Menschen hinter den auffälligen Outfits. Momente, Begegnungen, Blicke. Und wurde so zu DEM Fotografen des Wave-Gotik-Treffens.

2015 beendete er schließlich seine aktive fotografische Arbeit – aus Altersgründen.

Doch sein fotografisches Leben war damit keineswegs beendet. Denn in seinem Archiv warten noch immer zahlreiche Filme darauf, entwickelt und betrachtet zu werden. Aufnahmen, die teilweise seit Jahrzehnten verborgen sind. Er sichtet, sortiert, entdeckt und bewahrt. Sein Archiv erzählt von einem untergegangenen Land, vom Leipzig der Wendezeit, von Mode, Subkultur und vom Wave-Gotik-Treffen. Vor allem aber erzählt es von Menschen.

Und genau deshalb ist Gerd Lehmann für mich mehr als ein Fotograf.

Er ist ein Chronist.
Einer, der nie versucht hat, die damalige Zeit zu verklären.
Einer, der seinen eigenen Blick entwickelt und ihm über Jahrzehnte treu geblieben ist.
Eine lebende Legende der deutschen Fotografie.

An diesem heißen Nachmittag in Leipzig-Dölitz stand Gerd Lehmann einmal nicht hinter der Kamera.

Diesmal stand er davor. Vor meiner.

Für einen Nachmittag durfte ich den Fotografen fotografieren, dessen Kameras selbst so viele Menschen und Geschichten festgehalten haben.

Danke, Gerd, dass du für mich die Rolle getauscht hast und vor meiner Kamera gestanden bist.

PS: Dieses Treffen wäre nie ohne die Hilfe meiner lieben Fotokollegin Kathleen Rodriguez zustande gekommen. Danke Kathleen, dass du mich an diesen zauberhaften Ort geführt hast. Zu einem ganz besonderen Menschen.

Weiter
Weiter

Verblassende Landschaften