Ein Nachmittag mit Gerd Lehmann

Es gibt Fotografen, deren Bilder man kennt. Und es gibt Fotografen, deren Bilder eine Zeit überdauern.

Gerd Lehmann gehört für mich zur zweiten Kategorie.

In der DDR war er einer der bekanntesten Fotografen der Modebranche. Seine Arbeiten erschienen in den großen Modezeitschriften des Landes. Doch mit dem, was viele seiner Kollegen fotografierten, war er nicht zufrieden. Zu inszeniert, zu künstlich, zu weit entfernt von dem, was ihn eigentlich interessierte.

Also brachte er sich das Fotografieren selbst bei.

Sein Anspruch war nicht, es genauso zu machen wie die anderen. Er wollte seinen eigenen Weg finden – und besser werden.

Über vier Jahrzehnte arbeitete Lehmann als Auftragsfotograf. Dann kam die Wende und mit ihr eine Zeit, in der sich nicht nur das Land, in dem er lebte, sondern auch seine fotografische Welt grundlegend veränderte. Lehmann blieb mit seiner Kamera dabei. Analog, meistens in Schwarzweiß, fotografierte er in Leipzig. Besonders die Kneipen und Menschen der Stadt faszinierten ihn. Während sich draußen ein ganzes Land veränderte, entstand beinahe nebenbei ein fotografisches Archiv dieser Zeit.

Nicht die offiziellen Bilder der Wende. Nicht die großen historischen Inszenierungen. Sondern Menschen beim Zusammensitzen, Feiern, Reden und Leben.

Gerade darin liegt heute der unschätzbare Wert dieser Aufnahmen. Sie zeigen Geschichte nicht aus der Perspektive der großen Schlagzeilen, sondern aus nächster Nähe.

Mitte der 1990er-Jahre schlug Lehmann mit dem Wave-Gotik-Treffen in seiner Heimatstadt ein neues Kapitel auf.

Was zunächst wie ein weiteres fotografisches Projekt begann, wurde über die Jahre zu einer Art Lebenswerk. Über zwei Jahrzehnte fotografierte er die Besucher, Musiker und Bands des Festivals – und entwickelte dabei einen ganz eigenen Blick auf die Szene.

Er fotografierte nicht nur die auffälligen Outfits. Er suchte die Menschen dahinter. Die kleinen Momente, die Begegnungen, die Blicke. Und wurde so zu DEM Fotografen des Wave-Gotik-Treffens.

2015 beendete er schließlich seine aktive fotografische Arbeit – aus Altersgründen.

Doch sein fotografisches Leben war damit keineswegs beendet. Denn in seinem Archiv warten noch immer zahlreiche Filme darauf, entwickelt und betrachtet zu werden. Aufnahmen, die teilweise seit Jahrzehnten verborgen sind.

Und so sitzt Gerd Lehmann heute nicht einfach vor einem Haufen alter Negative. Er arbeitet weiterhin mit Bildern. Er sichtet, sortiert, entdeckt und bewahrt. Sein Archiv erzählt von einem untergegangenen Land, vom Leipzig der Wendezeit, von Mode, Subkultur und vom Wave-Gotik-Treffen. Vor allem aber erzählt es von Menschen.

Und genau deshalb ist Gerd Lehmann für mich mehr als ein Fotograf.

Er ist ein Chronist.
Einer, der nie versucht hat, die Zeit schöner zu machen, als sie war.
Einer, der seinen eigenen Blick entwickelt und ihm über Jahrzehnte treu geblieben ist.
Eine lebende Legende der deutschen Fotografie.

An diesem heißen Nachmittag in Leipzig-Dölitz stand Gerd Lehmann einmal nicht hinter der Kamera.

Diesmal stand er vor meiner.

Für einen Nachmittag durfte ich den Fotografen fotografieren, dessen Kamera selbst so viele Menschen und Geschichten festgehalten haben.

Danke, Gerd, dass du für mich die Rolle getauscht hast und vor meiner Kamera gestanden bist.

PS: Dieses Treffen wäre nie ohne die Hilfe meiner lieben Fotokollegin Kathleen Rodriguez zustande gekommen. Danke Kathleen, dass du mich an diesen zauberhaften Ort geführt hast. Zu einem ganz besonderen Menschen.

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Verblassende Landschaften